Buch-Rezension: „Ein Sommer mit Wölfen“ von Farley Mowat

„Ein Sommer mit Wölfen“ ist in der Unterhaltungsliteratur vielleicht DER Klassiker zum Thema Wölfe schlechthin. Seine Veröffentlichung 1963 hatte z. B. für den Canadian Wildlife Service ungeahnte Folgen: in einer Zeit, in der Wölfe allgemein als blutrünstige Monster verschrien waren, sah sich die für Natur- und Artenschutz zuständige Behörde plötzlich einer Flut von Briefen besorgter Bürger ausgesetzt, die den Schutz dieser vermeintlichen Bestien einforderten.

Ein enormer Erfolg für den kanadischen Bestseller-Author Farley Mowat, dem es mit seinem unterhaltsamen und nachdenklich stimmenden Erlebnis-Bericht gelungen ist seine Leser aufzurütteln und ihre Vorurteile und Ängste gegenüber Wölfen zu hinterfragen.

Auch heute gilt „Ein Sommer mit Wölfen“ nach wie vor als ein literarischer Meilenstein in der Geschichte der Naturschutzbewegungen, obwohl es von Naturwissenschaftlichkeit meilenweit entfernt ist.

 

In seinem Buch verarbeitet Mowat Erfahrungen, die er während eines Forschungs-Aufenthaltes 1948-49, im subarktischen Gebiet nahe der Hudson Bay, sammelte. Im Auftrag der Kanadischen Naturschutzbehörden untersuchte er das Verhältnis zwischen Wölfen und Rentieren und sollte feststellen, ob der alarmierende Schwund der Rentier-Population durch Wölfe verursacht wurde. In diesem Fall hätte sein Bericht als Rechtfertigung für weitere, von vielen Jägern geforderte, Wolf-Abschuß-Aktionen gedient.

Doch Mowat erlebte einige Überraschungen, die seine bisherigen Annahmen und das vermeintliche Wissen über Wölfe gründlich über den Haufen warfen.

 

„Ein Sommer mit Wölfen“ ist jedoch kein naturwissenschaftliches Buch, sondern eine Parabel. Mowat beschreibt auf witzige und kurzweilige Art seine eigene Unzulänglichkeit, seine Voreingenommenheit Wölfen und auch den lokalen Inuit gegenüber, ohne deren Unterstützung und Wissen er bei wohl deutlich weniger über Canis lupus und dessen Lebensgewohnheiten und Familien-Leben erfahren hätte.

Er hält dem Leser einen Spiegel vor und man lacht mit ihm. Nicht nur über sich selbst sondern auch über die Ignoranz der Mehrheit der damaligen westlichen Welt. Mowat macht das so überzeugend und amüsant, dass man das 150 Seiten lange Bändchen auch heute noch gerne liest. Den Wahrheitsgehalt seiner Erzählung opfert er jedoch klar dem Zweck, nämlich Sympathie und Interesse für Wölfe zu wecken.

 

Natürlich ist die aktuelle Wolf-Forschung inzwischen deutlich weiter, als der damalige Wissensstand. Das Wölfe sich von allen Wildtieren ernähren, welche sie leicht erbeuten können – also z. B. auch Mäusen – ist heutzutage keine Sensation mehr. Doch wie wichtig diese Erkenntnis damals war ist auch jetzt noch beim Lesen nachvollziehbar. Bei allem Engagement für den Naturschutz und die Rechte der Inuit, ist manchmal jedoch auch ein gewisser Chauvinismus spürbar.

Den sieht der heute 90-jährige mittlerweile selbst sehr kritisch. In dem online kostenlos verfügbaren Doku-Film Finding Farley kann man einige interessante Statements des Authors hierzu sehen, der mehrfach über die Inuit geschrieben und sich wortstark für ihre Belange eingesetzt hat – nicht immer zu deren Vorteil.

Diese ehrliche Selbstkritik wünscht man sich heute auch zu „Ein Sommer mit Wölfen“, denn Mowat erweckt den Eindruck, sein Buch sei ein Forschungsbericht. Nirgendwo weist der Author ausdrücklich daraufhin, das es sich um eine in weiten Teilen frei erfundene Geschichte handelt, für die er eigene Erfahrungen verwendet. Sein subjektiver Schreibstil und der zugunsten der Botschaft untergeordnete Realitätsgehalt seiner Wolfs-Geschichte wurde oft kritisiert – nicht nur von Wissenschaftlern, die sich von ihm verunglimpft sahen. Man warf ihm – zu recht – Unwissenschaftlichkeit und Polemik vor, ein Großteil seiner Beobachtungen sei von anderen übernommen, er verkaufe Propaganda für den Naturschutz als wissenschaftliche Untersuchung u. s. w. u. s. f.. Zu diesen Vorwürfen hat er leider wenig Stellung bezogen, das Meiste einfach abgestritten.

Mag sein, dass ihm diese bewusste Täuschung des Lesers zum Zeitpunkt der Veröffentlichung als politisch sinnvoll und verantwortbar galt. Heute ist sie einfach nur ärgerlich und bei uninformierten Lesern irreführend. Und gerade deshalb ist dieses Buch nicht für jüngere Kinder geeignet.

 

Doch trotz aller Kontroversen sollte man „Ein Sommer mit Wölfen“ und seine Hintergründe kennen. Es war für mehrere Generationen international prägend (auch in der Sowjetunion) und zeigt im Rückblick, wie viel sich in der Zwischenzeit getan hat. Und was leider immer noch gleich geblieben ist.

 

Die Neuauflage ist bei Rowohlt erschienen: rororo, ISBN-10: 3499237636

Wertung: 3 von 6 Sternen (einen für Witz)